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Heinz Wismann, das Kind der Versöhnung

Heinz Wismann, Penseur entre les langues – Crédit Photo : IHEST

Er ist Philosoph, Philologe und Professor „zwischen“ Deutschland und Frankreich und das Beispiel einer glücklichen Synthese. In seinem letzten Buch hat man den Eindruck, dass er die Hoffnungen auffrischt, die im Jahr 1963 mit Adenauer und De Gaulle entstanden sind.

Paris, 15.November – Heinz Wismann, 77 Jahre alt, lädt in seine Wohnung voller Bücher ein. Mit tiefem blauen Blick prüft er den Besucher: der Mann als scharfsinniger Stratege mag es, sich wie beim Tennisspielen einen ersten Eindruck seines Spielpartners zu machen. Bevor er anfängt zu sprechen, holt er seine Pfeife heraus. Bei jedem Zug äußert er Erinnerungen und Gedanken, ein bisschen wie Sherlock Holmes. Die Pfeife hilft ihm dabei, glaubt man, in einen nachdenklichen Zustand einzutauchen. Aus seinem weißen Haar und seinen ruhigen, feinen Gesichtszügen spricht auch eine gewisse Weisheit. Bemerkenswert ist die deutliche, gesetzte und akzentfreie Stimme. Nur selten spricht der deutschstämmige Denker die Wörter etwas „runder“ aus. Subtile Variationen kommen wie ein Überbleibsel seiner Fremdartigkeit vor.

Heinz Wismann wird 1935 in Berlin geboren. Während der Kriegszeit erlebt er als Kind eine schmerzhafte Flucht. Entwurzelt und deshalb von Schulkameraden ausgeschlossen, lernt er schnell, sich anzupassen, und doch Abstand zu halten. Wie viele gehänselte Kinder findet er im Sport einen Weg zur Integration. Er zeichnet sich im Tischtennis und Fußball aus. Später will seine Mutter, dass er Altphilologie studiert, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. 1958 bekommt der junge Heinz Wismann die Möglichkeit als Stipendiat der Stiftung des deutschen Volkes in einem anderen Land zu studieren. Nach Frankreich kam er also erstmals zufällig im Winter 1959, um seinem Mentor, Jean Bollack, einem Spezialisten in der antiken Philosophie, zu folgen. Aus dieser „fruchtbaren Begegnung“ entstand das erste Verhältnis Wismanns zu dem Nachbarland. Jedoch zieht er nicht sofort nach Paris, weil er „Frankreich zuerst in seiner provinziellen Form kennenlernen wollte“, sagt er.

In der französischen Sprache und Kultur begegnet er einer anderen Realität. „Ich entdeckte eine eigenartige Verhaltensweise“ Was für eine? Amüsiert erzählt er, wie er ein Zimmer in Paris gesucht hat. „6 Wochen lang, versprach man mir etwas, das sich nie ereignen sollte (…). Später habe ich den Unterschied verstanden zwischen einem brutalen Wahrheitsbezug, in dem man „nein“ sagt, und dem, was man Höflichkeit nennt“. Daher wird die Wohnungssuche zum bedeutenden Ansatzpunkt seiner interkulturellen Arbeit als Philologe und Philosoph.

In seinem letzten Buch „Zwischen den Sprachen denken“, das im September veröffentlicht wurde, erweist sich Heinz Wismann als Vermittler des deutsch-französischen Verhältnisses. Sein Lebenslauf passt perfekt zu dieser Rolle. Während seiner Karriere lehrt er die deutsche Philosophie französische Studenten und teilt mit ihnen eine andere Weltinterpretation. Dazwischen leitet er auch die „Passages“-Kollektion der Editions du Cerf und trägt dazu bei, den deutschen Philosophen Walter Benjamin in Frankreich bekanntzumachen. Wenn man ihn aber über seine Lage ausfragt, lehnt er es ab, sich weder als Deutschen noch als Franzosen bezeichnen zu lassen. Er steht „dazwischen“, zwischen den Sprachen und ihren eigentümlichen Weltansichten. Mit Weitblick kann er also in seinem Buch erklären, wie Deutschland und Frankreich in ihren kulturellen Hintergründen als auch in ihren Sprachen ergänzend sind. Ein ganz aktuelles Buch…

Das Werk stellt aber nicht nur überzeugte Europäer zufrieden. Es sagt auch viel in Form und Inhalt über die Persönlichkeit des Autors aus. Es ist ein „ganz unvollständiges Patchwork“ – so Wismanns Worte, in dem er „vielfachen Ansprechpartnern Antworten gibt“. Später erzählt er, er wolle es vermeiden, „eine Vorlesung zu machen“. Es ist nicht unbedeutend, dass der Autor sein Werk als Dialog konzipiert hat. Heinz Wismann zeigt dadurch sein großes Interesse an den anderen. Das Leitmotiv seines Lebenswerks als Professor und Verleger lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Gegenseitigkeit. „Es handelt sich darum, nicht in die Selbst-Seins-bezogene Falle zu geraten, indem man sich zuhause wohl fühlt, und was die anderen machen, nicht mag“, erklärt er. Bei ihm erweist sich ganz klar, dass der andere als Bedingung einer Selbstentwicklung betrachtet wird. Zwischen den Zeilen liest man also Heinz Wismanns humanistische Haltung heraus. Da liegt auch sein politisches Engagement: „Ich habe einzig und allein unterrichtet, damit das Bewusstsein dieser Gegenseitigkeit geschieht.“ Mit diesen Wörtern spricht er auch über die deutsch-französischen Beziehungen. Premierminister Ayrault hätte sich vom Buch inspirieren lassen können, als er nach Deutschland kam. Lesen Sie das Werk, Herr Minister. Hören Sie den Mann zu und lassen Sie sich überzeugen! Diese Beziehungen sind doch fruchtbar! Heinz Wismann ist überzeugt, dass er aus diesen Verhältnissen reicher an Möglichkeiten geworden ist.

D. S.

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This entry was posted on April 25, 2013 by in Portrait and tagged , , , , , , .

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